Tagesprotokoll    

Samstag, 11. November: Tangkoko wildlife park

 

Heute fahren wir in den Tangkoko wildlife park, ein Naturreservat, das ca. 60 Kilometer von Manado entfernt liegt. Der Tag beginnt mit einem heftigen Tropenregen. Der Himmel ist grau, dichte Wolken hängen an den Hügeln und die Straßen schaffen es kaum, die Wassermassen abfließen zu lassen. Wir treffen uns zunächst im „Wale Oekumene“, um die Logistik der anstehenden Sonntagsgottesdienste festzulegen. Der Tranfer zu den einzelnen Gemeinden ist kompliziert. Ein Teil der Gruppe wird in Manado predigen, muss also früh aufstehen und wieder zurück gebracht werden. Eine Geburtstagsfeier muss untergebracht werden, das obligatorische Essen nach dem Gottesdienst wird eingeplant und abends sind wir wieder in Manado zu einer farewell party beim Bürgermeister eingeladen. Irgendwann steht der Zeitplan fest und wir können losfahren.

 

Unterwegs wird in Manado im Kaufhaus „Fiesta“ eingekauft. Jane und Joachim Schuh sorgen für uns. Das Kaufhaus „Fiesta“ war das erste Einkaufszentrum, das in Manado eröffnete. Eine Attraktion vor 25 Jahren. Heute wirkt es klein, ist fast zu übersehen.

Unser Weg führt Richtung Bitung. Bitung hat einen Tiefsee Hafen und kann im Unterschied zu Manado auch große Schiffe entladen. Entsprechen viel Schwerlastverkehr ist unterwegs. Wir nähern uns der Stadt und sehen schon von weitem die Dua Saudara, die zwei Geschwister. So heißen die beiden Vulkankegel, um die herum das Naturreservat eingerichtet wurde. Bis dahin ist es noch ein ganzes Stück zu fahren. Wir machen aber erst mal Rast in der Kirchengemeinde von Bitung. Wir werden zum Essen erwartet. Wieder hat die Gemeinde die Tische reich gedeckt. Vorher schauen wir uns den eigentümlich naturalistischen Passionsgarten vor dem Gemeindehaus an und fotografieren ausgiebig. Dann begrüßt uns der Pfarrer, wir singen ein Lied und sind hin- und hergerissen zwischen Gastfreundschaft und unserem Zeitplan, der mittlerweile schon überzogen ist. Wie mag es auf die Gastgeber wirken, wenn wir hereinschneien, die Tische leeren und ohne viel miteinander gesprochen zu haben gleich wieder in die Busse einsteigen? Welche deutsche Gemeinde wäre mit einem solchen Besuchsprogramm einverstanden? Partnerschaft, so scheint es, ist nicht dasselbe wie Begegnung und Austausch. Wie es genau zu füllen ist, wird sicher noch ein Thema der Auswertung sein.

Weiter geht’s durch den dichten Verkehr von Bitung. „Botanica nature resore“ steht auf dem Verkehrsschild, das uns aus der Stadt lotst. Allmählich wird es grün, es geht steil bergauf. Aber irgendwie verfahren wir uns. Umdrehen, fragen, noch mal schauen. Vier Stunden sind wir jetzt unterwegs plus einer Stunde Mittagspause. Als wir endlich ankommen, liegen die Tickets noch nicht bereit. Die Absprachen haben nicht funktioniert. Während Klaus Schütz mit einem Angestellten verhandelt, verteilen einige von uns Süßigkeiten an Kinder, die neugierig herbei gekommen sind. Ein erster schwarz-gelber Riesenschmetterling lässt sich sehen. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

 

Mehrere Guides gehen mit uns in den Wald. Der Weg ist zunächst noch eben, aber feucht und matschig, so dass man aufpassen muss, wo man hintritt. Zikaden geben ein Konzert, die laute  Disco-Musik eines nahen Festes hält kräftig dagegen. Der Wald wird immer dichter. Hohe Ficus – Bäume beeindrucken mit ihren elegant geschwungenen Wurzelausläufern. Was wir zuhause nur als Zimmerpflanze kennen, ist hier turmhoch.

Am Strand liegen kleine Ausleger Boote mit großen Scheinwerfern. Die Fischer locken nachts mit dem Licht die Schwärme an. Ein größeres Boot muss nur noch die Netze auswerfen, unter dem Schwarm hindurchziehen und schon ist der Fang gesichert.

Dann sehen wir den ersten Kuskus-Affen. Aber er sitzt zu hoch in der Baumkrone, so dass wir weiterziehen. Mittlerweile ist ein Weg kaum noch zu erkennen. Wir laufen scheinbar ziellos durch den Wald, bis uns der Guide auf einen Baum aufmerksam macht. Hier leben Tarsius-Äffchen, die kleinsten Affen, die es gibt. Sie kommen nur in dieser Region Indonesiens vor – wie so viele Pflanzen, Vögel und Tierarten. Mit einer Taschenlampe versucht er, in Baumhöhlen zu leuchten. Wir sehen auch, dass sich etwas in den Höhlen bewegt, aber für ein gutes Foto reicht es noch nicht. Geduld – wir kommen später noch einmal vorbei. Dann ist es dunkler und die nachtaktiven Tiere werden uns schon beobachten wollen. Auf dem weiteren Weg sehen wir Eulen und Kuskus-Affen – nur für die Tucan-Vögel ist es zu spät. Es ist schon vier Uhr. In den Tropen wird es ganz schnell dunkel. Wir müssen uns beeilen, wenn wir die Tarsius Äffchen noch sehen wollen. Wir werden nicht enttäuscht. Der Guide ist gut vorbereitet. Wer nicht sofort das kleine Geschöpf sieht, wird dezent mit einem Laserpointer auf die richtige Baumhöhle hingewiesen. Mit der Taschenlampe wird die Szene schließlich ausgeleuchtet. Jetzt sieht man die großen Augen des kleinen Affen. Fotografieren ist nicht leicht, es ist schon dunkel, aber für ein Portrait reicht es noch.

 

Dann müssen wir zurück. Vor uns ein Guide, in der Mitte ein Aufpasser und am Ende der langen Schlange noch jemand, damit niemand in der Dunkelheit verloren geht. Der Wald wird immer lebhafter. Zu den Zikaden gesellen sich merkwürdige Knacklaute hinzu. „Frogs“ , sagt meine indonesische Nachbarin. Aber wie groß müssen die wohl sein, wenn ihnen ein solches Geräusch gelingt? Insekten gibt es auch genug. Wir haben uns zuvor kräftig mit Anti Mücken Spray eingerieben und ich hoffe, dass die Mücken uns auch wirklich als Orang Autans identifizieren, deren Haut nicht zum Verzehr geeignet ist.

 

Wir erreichen den Parkplatz und müssen auch gleich Richtung Tomohon zurück. Die Fahrt zieht sich in die Länge. Wir fahren am Tondano See entlang. Die Fahrer müssen eine Abzweigung verfehlt haben, jedenfalls zieht sich der Weg. „Pastor Klaus wollte das so“, ist die Antwort auf die skeptische Frage, ob wir wirklich etwas davon haben, in der Dunkelheit am Seeufer entlang zu cruisen. Einen Fehler wird in Indonesien nur selten jemand zugeben. Drei Stunden sind wir schon wieder unterwegs und werden in Tomohon noch einmal zum Essen erwartet. Wieder hat eine Gemeinde alles vorbereitet – aber wir sind noch nicht da, sind hundemüde und haben kaum noch Geduld für ein Gastmahl mit small talk. Aber was soll man machen? Nicht hinfahren? Das geht nicht, wäre sehr unhöflich – also ein Kurzbesuch.

Was bleibt vom Tag? Wir waren fast 8 Stunden im Bus, sind 2 Stunden im Naturreservat gewesen, haben bei 2 Gemeinden ein gutes Essen bekommen. Vielleicht sind die Vorstellungen, dass der Tagesplan verbindlicher begrenzt werden könnte, doch sehr deutsche Vorstellungen. Die Eindrücke vom Tropenwald und seinem Eigenleben waren trotzdem eine wertvolle Ergänzung zu den sonstigen Eindrücken unseres Besuchsprogramms. 

 

Manfred Wilfert