Es ist Sonntag. Heute sind wir tagsüber weitgehend getrennt unterwegs und treffen uns erst am Abend in der Gruppe, so dass wir auch unterschiedliche Erlebnisse haben. Alle sind wir heute in den Gottesdiensten der GMIM-Gemeinden unterwegs, feiern mit, überbringen Grüße aus der EKHN und stellen uns vor.

 

Mein erster „Sunday-Service“ beginnt um 6.30 Uhr. Zusammen mit meinen Gastgebern fahren wir zu einem größeren Einfamilienhaus, das zur Gemeinde Nazaret gehört. Hier treffen sich einige Gemeindeglieder, die zu der sogenannten „Column“ gehören, eine Art Hauskreis, nur deutlich größer. Alle Gemeinden in der GMIM sind in solche Columns unterteilt, mit denen zusammen man drei Mal in der Woche Gottesdienste feiert, darüber hinaus Geburtstage, Hochzeiten, oderTodesfälle miteinander begeht, immer von Gottesdiensten begleitet.

 

Zu „meiner“ Column gehören 35 Familien, wie mir die Älteste – eine Art Kirchenvorsteherin – erklärt. Sie heißt Meiske, der Name ist eine Hinterlassenschaft der holländischen Kolonialherren. Vielleicht 50-60 Personensind hier anwesend und feiern den Gottesdienst. Ein Abschnitt aus dem Kolosserbrief wird ausgelegt (Kol. 1,24-2,5). Dieses wie vieles andere machen hier die Ältesten. Nach dem Service und meinem Grußwort sowie herzlicher Begrüßung des Gastes aus Deutschland findet vor dem Haus eine Fotosession statt. Gerne kommen hier auch die Kinder aus dem Waisenhaus gegenüber dazu, das von der Gemeinde betrieben wird.

 

Nach dem Frühstück zu Hause und der Verschriftlichung des Grußwortes für den Gottesdienst– Meiske hatte mich wegen der Übersetzung aus dem Englischen ins Indonesische darum gebeten – fahren wir zum 9.00-Uhr –Gottesdienst in die Kirche. Auf dem Weg dahin werden noch die Kinder meiner Gastgeberfamilie bei einer anderen Gemeinde abgesetzt, wo sie einen Kurs für Sundayschoolteachers absolvieren.Angekommen in der Nazaretkirchewerde ich in einen separaten Raum geführt, sehr viel größer als bei uns eine Sakristei, wo die Ältesten der Gemeinde samt Pfarrerin sich zu letzten Vorbereitungen für den Gottesdienst getroffen haben. Es geht ernst und sachlich zu. Schließlich legen alle Ältesten ihre Stolen an; die Pfarrerin legt sich ihre grüne Stola nicht selbst an, sondern ein Ältester tut das – ein Zeichen in reformierter Tradition für  den auf diese Weise immer wieder neu erteilten Predigtauftrag durch die Ältesten an die jeweilige Pfarrerin oder den Pfarrer.

 

Dann Einzug in den mit etwa 500 Menschen gefüllten Kirchenraum, der deutsche Pfarrer bekommt einen Ehrenplatz ganz vorne zusammen mit einigen Ältestenzugewiesen. Rund zwei Stunden dauert der Gottesdienst, in dem wieder der Kolosserbrief ausgelegt wird, aber auch die anwesenden beiden Hochzeitsfamilien und eine Familie mit einem Todesfall, jeweils begleitet von ihren Ältesten aus der Column, wiederum jeweils ein Lied im Chor anstimmen. Ein wichtiges Amt hat die junge Frau inne, die ständig aktuell die Liedverse, die gerade gesungen werden und die Bibeltexte, die gelesen oder ausgelegt werden, mit Laptop und Beamer an die Kirchenwand projiziert, damit alle sich gut beteiligen können.

 

Erneut in der „Sakristei“ ist die Stimmung jetzt gelöst und fröhlich und wird für ausgiebiges Fotografieren und Selfies mit dem Gast genutzt.

 

Schließlich brechen wir auf und finden uns wenig später in einem Gottesdienst wieder, der anlässlich der Öffentlichmachung der künftigen Hochzeit eines der beiden Paare aus der Kirche gefeiert wird. Auch hier wird der ausländische Gast wieder nach vorne gebeten wie auch sonst bei jeder Gelegenheit, so dass es nicht noch einmal erwähnt werden muss. Wegen der Regenzeit ist ein extra Zelt aufgebaut und es gibt eine wunderbare Tafel, mit Speisenreich gedeckt, nicht zuletzt ein Spanferkel. Beim Verlassen der Feier in durchaus gesättigtem Zustand bedanken sich das künftige Brautpaar und vor allem die Eltern überschwänglich dafür, dass sie m ich als ihren Gast empfangen und bewirten durften. Ganz so zuvorkommend werden Gäste bei uns in Deutschland nun wirklich nicht behandelt!

 

Als nächste Station fanden wir uns --- auf Hochzeit Nr. zwei wieder, same procedureasbefore, samt Spanferkel. Wieder sind die Menschen überaus herzlich. Meine Teilnahme am Essen fällt  jetzt deutlich zurückhaltender aus.

 

Der nächste Aufbruch führt uns dann aber tatsächlich heraus aus Tomohon nach Kanonang, einem etwa 35 km entfernten Ausflugsziel mit heißen, schwefelhaltigen Quellen und einem Ensemble von Kirchen und Tempeln der fünf in Indonesien gelebten Religionen; übrigens werden Katholiken und Protestanten als einzelne Religionen geführt, die Protestanten werden „Kristen“ genannt. Die fünf Religionen stehen für das erste Prinzip der in der Verfassung verankerten Pancasila, das „Prinzip der All-Einen Göttlichen Herrschaft“.

 

Mit einem inzwischen siebzigjährigen ehemaligen Ältesten umrunde ich auf steilen Treppen das Gebiet, oberhalb dessen die o.g. Tempel und Kirchen stehen und aus dem warme und deutlich schweflige Gerüche aufsteigen– schade, dass man die nicht mitfotografieren kann. Meine Gastgeberfamilie hatte es sich derweil in einem Lokal bequem gemacht, wo sie mir bei unserer Rückkunft gleich leckere frittierte Bananen anboten, von denen ich trotz hinhaltenden Widerstands dann auch noch gegessen habe – sie sind auch einfach zu gut!

 

Nach kurzer Pause im Quartier geht’s zur nächsten Veranstaltung. Hier treffen wir uns alle wieder und tauschen uns über unsere Tageserlebnisse aus, die rundherum spannend waren. Der Ort des Treffens ist das Haus eines Gemeindegliedes, das an diesem Tag Geburtstag hat und dem wir natürlich auch ein Ständchen singen, wenn auch wohl eine Terz zu tief angestimmt… Natürliche gab es – Überraschung! – einen Gottesdienst und eine wunderbare mit köstlichen Speisen beladene Tafel incl. obligatem Spanferkel. Erstaunlich für uns alle, dass jetzt schon die Weihnachtsdekoration aufgehängt war – welchen tieferen Grund das haben könnte, erschließt sich uns nicht. Ist jetzt aber auch egal, wir sind alle todmüde und Morgen ist auch noch ein Tag!

 

Thomas Posern