7.11. Erster Seminartag

 

Nach dem wie üblich reichhaltigen Frühstück und zwei wieder vom Infekt auferstandenen Frauen ziehen wir fünf Frauen, die wir im Wale Oikumene untergebracht sind, hochmotiviert und zum ersten mal zu Fuß den Berg runter. Denn ca. 500 Meter vom Haus entfernt, liegt die „Sinode“ der GMIM, sozusagen der „Paulusplatz“ der GMIM.

 

Hier soll heute und morgen das Seminar stattfinden, an dem zu bestimmten Themen einige von uns und parallel dazu einige indonesische Referenten (und 1 Referentin!) aus ihrer Sicht einen Vortrag halten werden.

The Churches of Reformation as Church with the Message of Freedom in a Pluralised and Globalised World"  so lautet das Seminar, das schließlich um 10.30h eröffnet wird mit einem Grußwort von Rev. Dr. Hein Arina, Vice President of GMIM. Während Dr. Klaus-Volker Schütz bei einem kranken Kollegen im Krankenhaus weilt,  spricht Dr. Johnny Thonipara das offizielle Grußwort unserer Delegation. Derweil füllt sich der Raum  langsam mit Pendetas aus der ganzen Region, manche sind sogar von den Inseln angereist. Und weil hier immer und überall gesungen wird, beginnen wir gemeinsam  in deutsch- indonesisch) das  Reformationskampflied „ein feste Burg…“ jeweils in der eigenen Sprache. Tief beeindruckt von unserer Stimmgewalt werden wir gebeten, das Lied noch einmal auf Deutsch zu singen, was uns frenetischen Applaus beschert. Das anschließende Gebet spricht Rev.Ventje Talumepa.MTh – nicht nur für die anwesenden „Pendeta-Pendeta“ sondern auch für unsere beiden kranken Kollegen- und das mit aller Kraft.

 

Vor halbvollem Auditorium beginnt Veronika Veerhoff die Bibelarbeit mit dem Revolutionslied „In den Kerkern saßen zu Frankfurt an dem Main“ von 1848. Sie stellt das kirchliche Engagement für die Flüchtlinge ab 2016 in Deutschland in den Zusammenhang von Galaterbrief Kp. 5, 1f. , den sie näher auslegt. Dabei stellt das Thema „Kirchenasyl“ in den Kontext von Aussagen von Dietrich Bonhoeffer, der gesagt hat: wenn es um das Leben eines Menschen geht, dürfen und müssen auch Gesetze gebrochen werden. „Freiheit ist nicht Libertinismus, Freiheit macht, dass du andere lieben kannst“. Nur so wird aus Brüdern und Schwestern eine Gemeinde. Damit ist schon hier ein spannendes Feld und ein Spannungsfeld eröffnet zwischen unserer Delegation und der GMIM, die sich selbst (so der Titel des Seminars) nicht als „Kirche der Freiheit“ bezeichnet, sondern als „Kirche mit der Botschaft von Freiheit…)

  

1.    Vortrag zum Thema „Parish ministry in the churches of Reformation“.
Diesen ersten Vortrag zum Thema  hält Pfrin. Andrea Braunberger- Myers aus der St. Pauls Gemeinde von Frankfurt. Sie führt in die Struktur der EKHN ein, um danach ihre Gemeindearbeit in Frankfurt vorzustellen. Das Besondere ihrer Gemeindearbeit vor Ort ist, dass sie auf vielen Ebenen eng mit der indonesischen Gemeinde kooperiert. Ein besonderes Augenmerk legt sie weiterhin auf die Arbeit von Ehrenamtlichen in unseren Gemeinden und darauf, dass Kirchenvorstände alle 6 Jahre neu gewählt werden und zwar ab dem Alter von mindestens 14 Jahren. Insofern ist die EKHN im Grunde eine christliche Graswurzelbewegung. Mit ihrem Hinweis auf zwei aktuelle Kirchenasyle ihrer Gemeinde verwies sie auf die einführende Bibelarbeit von Veronika Veerhoff.    

Den indonesischen Parallelvortrag hält Rev. Dr. Amukul. Er geht davon aus, dass unsere Kirchen aufgrund der biblischen Zusage die gleiche Perspektive haben. Dennoch sei das Gemeindeleben verschieden, weil es in verschiedenen Kontexten gelebt wird. Die Perspektive der indonesischen Kirche sei ausschließlich die aus der Gemeinde und auf die Gemeinde. Alle hauptamtlichen Pfarrer*innen in Gemeinden, Schulen und anderen Einrichtungen stehen im Dienst der Kirchengemeinden. Der Eckstein, das gemeinsame Ziel sei die (Erbauung der) Kirchengemeinde.


In der GMIM gebe es ca. 2000 Pfarrer*innen, 211 Religionslehrer, 10.200 Kolombgruppen. Von all denen seien die 25 000 Kirchenältesten die wichtigsten Personen. Sie alle haben, Zitat: „die Berufung  und den Auftrag zu dienen, aus vollem Herzen und Namen des Herrn. Amin. Halleluja“

 

In der anschließenden Fragerunde zu unserer Gemeindearbeit ging es ausschließlich um Fragen, die sich aus dem Leben der säkularisierten Welt ergeben. Die Frage, ob Kirchenvorstände geschieden sein dürfen, wird in der GMIM eindeutig negativ beantwortet (ein*e Pfarrer*in muss bei einer Scheidung sein Amt niederlegen).

 

2.    Vortrag zum Thema: „The Church and Diaconal work“


Den nächsten Vortrag hält Pfr. Dr. Klaus Bartl. Er steht der Organisation  „Mission Leben“ vor und erläutert Ursprung und Geschichte dieser Einrichtung als typisch für die Geschichte der Diakonie. Diakonisches Handeln muss sich immer am aktuellen Bedarf der Menschen orientieren. Diakonisches Handeln hat sich aus der Bewegung der „inneren Mission“ heraus entwickelt. Dessen Logo zeige: Mission gehe immer vom Herzen des Kreuzes aus und sei abhängig von Kirche und Staat. Innere Mission bedeute: Auf der Basis des Glaubens in der Welt das Beste für die Menschen zu tun. 225 000 Kirchenangestellte stehen 475 000 Diakonieangestellten gegenüber. Letztere werden finanziert durch die Regierung und die Versicherungen. 

Den indonesischen Vortrag zum gleichen Thema hält
Deacon Recky Montong, er ist Schatzmeister der GMIM, Master der Theologie und zugleich Fabrikbesitzer. Weshalb für ihn nah liegt, die Kirche mit einer Werkstadt zu vergleichen. Zitat: „Lebendige Kirche repariert und modifiziert das Leben der Menschen“. Denn Kirche ist „eine Werkstatt, die Liebe bekommt und Liebe geben soll“.

So teilt er den diakonischen Dienst in 3 Kategorien ein:

1.   Die „karitative Diakonie“- sie ist eine Art Überlebenshilfe für die Ärmsten der Armen.  Sie hat keine weiteren Ansprüche als die der Überlebenshilfe, weil diese Menschen „zu faul (!)“ seien, um sich einer Veränderung ihrer Situation stellen zu wollen. 

2.    Die „reformative Diakonie“- sie wendet sich an die Armen, die bisweilen ein Handy besitzen mit dem Ziel, eine Verhaltens- und Bewusstseinsveränderung zu bewirken. Sie sollen ihre Ressourcen und ihr Geld zielgerechter ausgeben können, sodass ein soziale und wirtschaftliche Weiterentwicklung möglich ist (raus aus den Schulden und der Armut!). Reformative Diakonie heißt: Verändernde Diakonie.

3.    Die „transformative Diakonie“- sie lebe aus der Haltung der Befreiung. Diese Haltung fragt: Was ist nötig, was ist sinnvoll? Sinnvoll und nötig, um die Haltung gegenüber materiellen Werten zu „transformieren“. zB. sollten die Ärmsten ihr Geld nicht für Handys ausgeben oder für andere „Luxusgüter“, sondern fürs wirtschaftliche Fortkommen. Ziel ist, dass aus Armen dann weniger Arme und aktive Menschen werden.

In einem Seminar in Jakarta sei dieser Transformationsgedanke diskutiert und dabei beschlossen worden, dass in diese Arbeit Menschen einbezogen werden müssen, die selbst einmal arm oder sehr arm waren. Nur so sei eine realistische Einschätzung und Kontakt zu den betroffenen Menschen gewährleistet.

 

In der anschließenden Fragenrunde hatten die Übersetzer Joachim Schuh und Tonny alle Hände voll zu tun.

 

Nicht nur von Seiten der EKHN- Pfarrer*innen, sondern auch von GMIM- Pfarrern gab es kritische Rückfragen zur christlichen Anthropologie dieses Transformationsgedankens. Eine Kollegin der EKHN- Pfarrer*innen hat die allseits empfundene Empörung über das Menschenbild dann auch klar zum Ausdruck gebracht. Auf die Rückfrage an Recky Montong, was für behinderte Menschen in Indonesien getan werde, erläuterte er, dass es in der GMIM eine Einrichtung für Blinde und eine Schule für behinderte Menschen gäbe. Diese würden aus einer Stiftung und aus Geldern der Synode und des Staates finanziert.  

Ein indonesischer Teilnehmer schilderte seinen Eindruck, dass in Deutschland die Menschen einfacher an Hilfsgelder kommen würden als in Indonesien. Und dass man in Deutschland nicht danach frage, was die Bedürftigen jeweils mit diesem Geld machen würden. Auch wurde gefragt, was mit den vielen Millionen Euro passiere, die die Diakonie jährlich in ihre Arbeit mit Bedürftigen investiere und was der „Erfolg“ der Arbeit sei. Dr. Klaus Bartl wies darauf hin, dass es bei der diakonischen Arbeit nicht um Einzelfallhilfe ginge, sondern dass es viele Arbeitsfelder, Einrichtungen und Ausbildungsstätten gebe, die dieser Arbeit Struktur und Nachhaltigkeit geben würde.  Leider wurden seine Ausführungen mit dem Hinweis auf die fortgeschrittene Zeit (ein bisschen abrupt) beendet.

 

Beim anschließenden Mittagessen in der Synode war unter uns die einhellige Meinung: es war eine spannende Begegnung über die Kulturen hinweg. Jedoch auch eine, die uns zum Teil mehr kopfschüttelnd und fragend als vor dem Seminar zurück ließ.
Gerne hätten wir verstanden, woraus sich die Haltung der Pfarrer der GMIM nährte. Und gerne hätten wir verstanden, warum das Seminar mit so großer Verspätung begonnen hat (und am folgenden Tag wiederum beginnen sollte). Und schließlich: warum dieses Seminar zwar mit einer überwältigenden Mehrheit von Frauen im Auditorium stattfand, aber sowohl auf dem Podium wie auch unter den Fragestellern keine einzige Frau zu sehen oder zu hören war.

 

Am Ende des Seminars schleppen wir Frauen uns dann doch recht erschöpft den Berg hinauf zum Wale Ökumene. Zitat: „Keine Cocktails, keine Sahneschnittchen-  wir hätten das Kleingedruckte lesen sollen.“ J

 

Abendliche Bibelarbeit
Aber das Seminar war noch nicht das Ende des Tages. Es gab eine Einladung zur Bibelarbeit einer Frauengruppe. Alle, die körperlich noch dazu in der Lage waren, haben sich auf den Weg gemacht: also Sabine, Veronika und Bettina. Diese wurden von Jane, Mona, Michael und der Frauengruppe sehr herzlich empfangen. Das Treffen fand in der Kirche statt- einer Kirche mit überlebensgroßen biblischen Bildern im Altarraum (landestypisch). Die Pfarrerin las den Text aus dem Kolosserbrief vor und fokussierte auf das Thema „Leiden“. Ist Leiden gottgewollt? Müssen wir Leid erfahren! Ist es vielleicht sogar eine Strafe Gottes? Diese Fragen haben die Frauen bewegt. Im Gespräch darüber erwies sich Mona wiederum als grandiose Übersetzerin. Das gemeinsame Nachdenken über den Text veränderte das Miteinander- es wurde persönlicher, die Fremdheit trat immer mehr in den Hintergrund. Am Ende waren sich die Frauen – über ihre verschiedene Kulturen und Kontexte hinweg einig: „Wir Frauen dürfen unser Leid Gott klagen, wann immer es nötig ist. Wir dürfen unser Leben gerne und freudig leben, weil unser Glaube uns Kraft und Zuversicht schenkt.“ 
Nach der Bibelarbeit lud die Pfarrerin ihre deutschen Kolleginnen zu sich ins Pfarrhaus ein zu einem- wie immer- üppigen Essen. Nach dem Motto: „was wir nicht schlafen, das essen wir“ ergreifen alle beherzt ihren Teller. Denn um der Höflichkeit willen haben wir immer unsere „Teller schmutzig“ gemacht (Bitte von Mona), auch bei ausbleibendem Hungergefühl und angesichts der Tatsache, dass ein weiteres Abendessen noch auf die Frauen wartete. Fazit der Frauen: es war ein wunderschöner Abend mit herzlichem Zusammensein.

  

Annette Bassler, Dagmar Unkelbach, Bettina Bender